Es ist etwa vier Uhr morgens, als ich aufwache. Nicht, weil draußen irgend etwas besonderes vor sich ginge oder ich schlecht geträumt hätte. Nein, der Grund ist ein ganz einfacher: Ich friere! Vor etwas über einer Woche mußte ich noch meinen Schlafsack offen lassen, damit es im Zelt nicht zu warm wird, und jetzt ziehe ich mir im Schlafsack meine Jogginghose und Socken an, damit ich es aushalte. Nach dieser Unterbrechung schlafe ich dann aber durch bis zum Morgen.

Jener empfängt mich nicht nur mit Kälte, sondern auch mit
tief hängenden Wolken über dem See. Und wenn man genauer
hinschaut, kann man auf den mehrere hundert Meter höher gelegenen
Wiesen sogar eine feine, puderige Schneeschicht erkennen. Rein
kalendarisch haben wir ja noch Sommer, aber das scheint dem Wetter wohl
doch ziemlich egal zu sein. Dennoch fühle ich mich noch
einigermaßen wohl, denn die Luft ist kühl und erfrischend.
Ich mache noch schnell ein Foto, mit meinem Zelt im Vorder- und dem
wolkenverhangenen See im Hintergrund, bevor der dann erneut einsetzende
Regen mich wieder ins Zelt treibt.
Nach einer Weile, die ich lesend im Schlafsack verbringe, treibt mich
dann aber der Hunger doch noch mal aus dem Zelt. Der Campingplatz hat
einen kleinen Supermarkt, in dem ich mir einige Lebensmittel besorge.
Mit der Verkäuferin unterhalte ich mich noch kurz - na, worüber
wohl? - übers Wetter und erfahre hierbei, dass heute wohl keine
Besserung in Sicht sei. Also trotte ich wieder zurück zu meinem
Zelt, lasse mir ausgiebig Zeit zum frühstücken, verzichte
heute morgen mal auf den Kaffee (da es in meiner "Küche"
ja regnet), und lese dann erstmal weiter in meinem Buch.
Sarnen ist eine Kleinstadt mit etwa 9000 Einwohnern, und trotz der Tatsache, dass es sich hierbei um den Hauptort des Kantons Obwalden handelt, wirkt es relativ dörflich. Nicht nur, dass kaum ein Mensch auf der Straße wäre, auch der Verkehr hält sich zurück. Als es gegen Mittag endlich mal aufhört zu regnen, und ich sowieso beschlossen habe, noch eine Nacht hier zu verbringen, mache ich mich auf den Weg zu einem kleinen Dorfrundgang.

Zwar gelange ich auf meinem Spaziergang nicht wirklich in den Sarner Dorfkern, der etwas weiter nördlich liegt, aber die Pfarrkirche St. Peter und Paul (manchmal glaube ich, dass fast alle Kirchen so heißen), die von 1739 bis 1742 im barocken Stil erbaut wurde, ist mit ihren zwei Türmen auch schon ganz nett anzusehen. Und sich mal ein bißchen zu bewegen, ohne einen Sattel unter dem Hintern zu haben, tut auch mal ganz gut.
Etwa zwei Stunden bin ich wohl rumgelaufen, und als ich zu meinem Campingplatz zurückkomme, ist mein Zelt nicht mehr allein. Ein Pärchen, etwa Mitte 30, hat sich hier eingefunden, und auch, wenn ich mich freue, mich mal wieder länger unterhalten zu können, scheinen die beiden doch ein wenig bizarr zu sein. Er ist Schwarzafrikaner, sie Deutsche, und irgendwie landet das Gespräch irgendwann bei einer Diskussion über die Anerkennung von Ausländern in unserer Gesellschaft. Ich hatte zwar nicht das Gefühl, dass die Leute hier übermäßig reaktionär seien, dennoch berichten die zwei von einem eher zurückhaltenden Empfang bei der Ankunft auf dem Campingplatz. Nun kann das natürlich sein; ich halte es aber für genauso wahrscheinlich, dass auch ein klein wenig Einbildung mit eine Rolle spielt. Außerdem habe ich Urlaub und muss mich nicht unbedingt immer über diese Problematik unterhalten.

Dennoch wird es ein recht netter Nachmittag, was vielleicht daran liegt,
dass irgendwann auch wieder die Sonne hervorkommt. Das Wasser ist zwar
zu kalt zum Schwimmen, aber ich kann mich am Spätnachmittag
dann doch noch eine Weile im T-Shirt auf die Wiese setzen und den lieben
Gott einen guten Mann sein lassen. Da ich beabsichtige, am nächsten
Morgen zeitig aufzubrechen, fülle ich noch meine Vorräte in
dem Supermarkt auf, bevor es ans Abendessen geht. Dieses nehme ich
heute nicht im Zelt zu mir, sondern auf einem Stein sitzend am Strand.
Danach schreibe ich einige Reisenotizen auf, studiere die Karte, und mache
Pläne für die nächsten Tage. Morgen wartet der letzte
eintausender Pass auf mich. Da aber Sarnen bereits 470 Meter über
dem Meeresspiegel liegt, bin ich relativ sicher, diesen Anstieg von
etwas mehr als 500 Metern problemlos zu schaffen.
Nach diesen Planungen sitze ich noch eine Weile am Seeufer, blicke über
das Wasser und lasse meine Gedanken schweifen, bevor ich kurz nach Einbruch
der Dunkelheit den Weg ins Zelt antrete.