Nachdem Manni sich morgens um sieben auf den Weg zur Arbeit gemacht hat, schlafe ich noch ein bißchen aus, bevor ich mich so gegen neun aus dem Schlafsack pelle. Schnell ist die Morgentoilette erledigt, dann geht's ans Sachen packen. Und siehe da: irgendwo kommt auch die vergessen geglaubte Jeans wieder ans Tageslicht, so dass ich Manni's Hose, die mir am Vorabend erspart hatte, halb nackt durch die Münchner Kneipen zu ziehen, dalassen kann. Dann schleiche ich mich noch unauffällig an der "Empfangsdame" vorbei, packe mein Gepäck aufs Rad, und gegen halb elf geht's los. Zuerst mal mache ich mich wieder auf den Rückweg zum Bahnhof, auch wenn der nördlich liegt, um mittels des dortigen Stadtplans den Weg aus München hinaus zu finden. Mir gelingt es auch, im Handgreif eine Route zu entwickeln, die mir nur in Ausnahmefällen das Fahren entgegen der Einbahnstraßen zumutet, und schon bin ich Richtung Süden unterwegs durch München. Die Fahrt aus der Stadt wird nur bei einem Optiker kurz unterbrochen, wo ich mir neue Lösungen für meine Kontaktlinsen kaufe.

Als die Straße gegen Mittag die letzten Vororte von München
hinter sich läßt, nähert sie sich einer Autobahn und
verläuft für eine Weile parallel zu ihr. Nicht besonders
romantisch, aber solange ich nicht auf der Autobahn selber
fahren muß ... Irgendwann bessert sich der Straßenverlauf;
die Landstraße entfernt sich von der Autobahn und führt durch ein
Waldgebiet Richtung Starnberger See.
Am Ostufer des Starnbergers Sees gibt es ein kleines Sträßchen,
das recht romatisch zwischen entlegenen Einfamilienhäusern hindurch
und letztlich direkt am Ufer entlangführt. Hier mache ich auch meine
erste "richtige" Rast, esse einen Happen, und genieße
den Blick über den See, auch wenn das Wetter nicht so
übermäßig toll aussieht. Wieder versuche ich, den
Trittfrequenzmesser, der bei meinem Fahrradcomputer dabei ist, zu
justieren, aber ich schaffe es nicht, ihn für längere Zeit zum
Funktionieren zu bringen. Viel später erst, als ich schon lange
wieder zu Hause in Bonn bin, soll ich feststellen, dass das Problem nicht
in der Anbringung des Sensors lag, sondern in der Kabelverbindung zum
Computer selbst.
Die Straße verläuft am Seeufer entlang nach Seeshaupt. Irgendwo biege ich ab Richtung Penzberg, aber kurz vorher werde ich von einem stärkeren Regenguß überrascht, so dass ich mich erst mal für eine halbe Stunde unterstellen muss. In diesem Moment erreiche ich meinen ersten Tiefpunkt, von denen ich in den ersten zwei, drei Tagen noch mehrere haben sollte. Einen Punkt, in dem man sich fragt "Warum mache ich sowas überhaupt? Warum sitze ich nicht bei Kaffee und Kuchen zuhause auf meinem Sofa vor der Glotze?" Aber diese Tiefpunkte hat man halt; dennoch würde wohl kaum ein Reiseradler sein Leben mit dieser kurzfristigen Wunschvorstellung tauschen wollen. Auch ich nicht, und als der Regen nachläßt, fahre ich weiter durch die südbayerischen Wälder und Ebenen.
Die Orte, die man passiert, tragen Namen wie Sindelsdorf oder Großweil-Kodel. Während ich so über diese Landsträßchen fahre, lasse ich meine Gedanken abschweifen, denke an die letzten Tage vor dieser Tour, auch an meine nicht zustande gekommene Beziehung zu Sabine. Auch an "The 3rd and the Mortal", eine norwegische Band, deren einer Song mir im Hirn rumschwirrt und der mich die nächsten drei Wochen begleiten wird. Aus diesen Gedanken werde ich allerdings mal herausgerissen, als mir eine Kuhherde entgegenkommt, mit einem vorneweg fahrenden Traktor und einem neben der Herde (also quasi auf dem Mittelstreifen) laufenden Kuhhirten. Seit mich mal eine freilaufende Kuh fast von meinem Motorrad befördert hat, habe ich - zumindest im Straßenverkehr - einen ziemlichen Respekt vor diesen Tieren.
Gegen vier Uhr nachmittags nähere ich mich dem Kochelsee, meinem ersten Tagesziel. Allerdings muss ich ihn noch halb umrunden, um auf dem auf der Karte ausgesuchten Campingplatz anzukommen - wobei ich mir momentan noch nicht mal sicher bin, ob ich dort wirklich bleiben oder lieber noch zum Walchensee weiterfahren will. Momentan fährt es sich nämlich recht gut, und die Landschaft ist hübsch. Ja, dieses Attribut trifft es wohl am besten: Es geht an Schilfgürteln entlang, die sich am Westufer des Kochelsees breitgemacht haben, und es ist nach dem Regenguß vom frühen Nachmittag nochmal recht warm geworden. Also bin ich eigentlich recht guter Dinge. Aber nachdem ich das Nordufer des Sees umrundet habe, fängt es just, als ich an dem möglichen Campingplatz vorbeifahre, wieder an zu regnen, und vor mir liegt eine mächtige Steigung, die auch noch durch dunkle Fichtenwälder führt. Also zähle ich die Faktoren dunkler Wald, Regen und Steigung (also größere Höhen) zusammen und entschließe mich, im vielleicht etwas wärmeren Tal zu bleiben. "Camping Menten" hat in der kommenden Nacht einen weiteren Gast.
Während dem Aufbau des Zeltes, das aufgrund seiner speziellen Form direkt
Aufmerksamkeit erregt, werde ich von einem kleinen Jungen auf meine Reise
hin angesprochen. Wo ich denn hin wolle. Meine ehrliche Antwort kommentiert
er mit "Dann können Sie ja gleich bis nach Amerika fahren!"
Meine Bemerkung, Italien sei doch viel näher als Amerika, und
außerdem sei kein Ozean dazwischen, scheint ihn allerdings nicht so
richtig zu überzeugen.
Danach mache ich mich erstmal (es hat mittlerweile
wieder aufgehört zu regnen) auf den Weg nach Kochel, bewaffnet
mit meiner leeren Kocher-Spritflasche. Aber der Tankwart im Ort guckt
mich nur verständnislos an und schüttelt den Kopf. "Wie
wollen Sie denn mit dem Zapfhahn in diese Flasche kommen" fragt
er in bayerischem Dialekt. Da ich auch keine Ahnung habe, ziehe ich
erfolglos wieder von dannen. Dann bleibt die Küche heute eben
kalt. Aus einem kleinen Supermarkt nehme ich mir noch etwas Brot, Wurst
und andere Kleinigkeiten mit, und fahre zurück zum Campingplatz.
Dort treffe ich ein ungarisches Pärchen, das durch die Alpen
trampt. Sie erzählen mir von Wasserfällen, die es in der Nähe
des Campingplatzes gibt, und was sie sonst noch alles Schönes auf ihrer
Reise gesehen haben.

Da ich ja jetzt nun schonmal an einem See zelte, muß ich aber auch
schwimmen gehen. Okay, die Sonne ist etwas zurückhaltend, aber da
wir doch noch über 20 Grad haben, und das Wasser Ende August wohl
auch nicht so kalt ist, wage ich es. An einer seichten Stelle stapfe ich
ins Wasser und drehe ein paar Runden. Eigentlich unnötig zu erwähnen,
dass ich der einzige bin, der hier schwimmt. Überhaupt ist nicht
übermäßig viel Leben auf diesem Campingplatz.
30 Meter weiter links steht ein Angler. Ob der sich freut, wenn ich ihm
mit meiner Schwimmerei die Fische vertreibe?
Danach gehe ich erstmal duschen. Kalt natürlich. Erstens ist es
billiger (weil umsonst), zweitens erfrischender. Zwar kann ich mir selber
die Frage nicht beantworten, warum ich jetzt eigentlich erfrischt sein
muss, weil auf diesem Campingplatz eh eine ziemliche Langeweile herrscht.
Aber mittlerweile ist es auch schon dunkel, und da ich diesen ersten Tag
schon ein wenig in den Beinen spüre, habe ich letztendlich auch
nichts dagegen, mich schon ins Zelt zu verkrümeln. Ich studiere
meinem Reiseführer noch ein wenig im Schein einer Taschenlampe,
bevor ich das Licht ausmache und noch eine Weile mit offenen Augen
über meine Pläne nachdenke und den - allerdings sehr verhaltenen -
Geräuschen der Wellen lausche, die ans Ufer schlagen.